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WERKTREUE
Am Beginn meiner Überlegungen stehen nicht die Traditionen, seien sie falsch oder richtig, sondern steht die Partitur. Darin finde ich drei Schichten der Niederschrift: die Regieanweisungen, den gesungenen bzw. gesprochenen Text und die Muaik. Letztere ist am wenigsten dem Prozess des Alterns ausgesetzt. Deshalb ist sie heute fast immer noch genau so verstehbar wie zu ihrer Entstehungszeit. Die Worte sind schon anfälliger für das Sterben in der Zeit, und am schnellsten veralten die Regieanweisungen. In sie sind die Umstände der Entstehungszeit am unmittelbarsten eingeflossen, und wenn ich diese Dimension eines Werkes bloßlegen will, dann muß ich vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Erfahrungen für das Publikum von heute neu übersetzen. Werktreue heißt für mich, die Reaktion, die Wirkung, die ein Komponist mit seinem Werk bei seinem Publikum auslösen wollte, heute bei meinem/unserem Publikum zu erzielen.
Peter Konwitschny
in einem Gespräch mit Jörg-Michael Koerbl, Annedore Cordes, Christoph Becher zur Neuinszenierung von "Der Rosenkavalier" an der Hamburgischen Staatsoper am 12. Mai 2002. Staatsopernjournal Ausgabe 5 April/Mai 2002.
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