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WAHN WERKTREUE

"Die gepries'ne Weibertreue, sie gleicht dem Phönix aus Arabien. Jeder weiß davon zu schwatzen, doch wo er ist - das weiß man nicht."
So singt der abgebrühte Alfonso zu Beginn von Mozarts COSÌ FAN TUTTE und provoziert damit die beiden Galane zu ihrer verhängnisvollen Liebes-Wette.

Es mag mehr als ein hübscher Zufall sein, daß ein anderer Begriff nicht nur analog sondern auch noch durch Aliteration naherückt: die Werktreue. Auch sie durchgeistert phantomgleich die Diskussionen über Interpretation von Musik und Theater. Und nicht selten wird sie schier beschwörend, zürnend, drohend, gar höhere Mächte anrufend. quasi als Ideen-Keule wider alle möglichen Werk-"Schänder" geschwungen. Gemeint sind nicht selten Exponenten des sogenannten "Regietheaters", etwa Neuenfels, Konwitschny, Marthaler oder Castorf. "Frevler" allesamt.

Aber mit der "Werktreue" ist es ähnlich wie mit der von Alfonso zitierten "Weibertreue": Alle sind sich einig, daß sie ein höchstes Gut darstellt. Doch wie sie aussieht, woher sie kommt, wie es um ihre Legitimation bestellt ist, wissen die wenigsten zu sagen. Ein hohes Ideal bleibt sie allemal - wie das schlechthin "Gute", an das alle nur zugern glauben wollen, das aber um so schwerer zu definieren ist. Von der Umsetzung ganz zu schweigen.

Karl Kraus hat dies auf das schöne Paradox gebracht:
"Im Zweifelsfall entscheide man sich für das Richtige."
Dafür müßte man schon vorher eine Entscheidung treffen: "Was ist das Werk"?

Natürlich kann man sich mit der platten Definition bescheiden: das, was der Autor, Schriftsteller oder Komponinist hervorgebracht hat. Doch weit führt dies nicht, denn innerhalb der eurozentrisch geprägten Kultur basiert dies normalerweise auf der Schriftform, dem literarischen Text oder der Partitur. Doch ebendiese ist noch keineswegs mit dem "Werk" identisch, sondern zunächst nicht mehr als eine Fixierung in einem zweidimensionalen, kürzelhaften Zeichensystem. Wie sehr dieses der Auslegung und der Anpassung an alle möglichen Realitäten bedarf, ahnt der Laie in der Regel nicht einmal.

Hinzu kommen die genuien Textprobleme, etwa das des "Originals": Welche Fassung von DON GIOVANNI, LEONORE/FIDELIO, TANNHÄUSER oder DON CARLOS spielt man?
Und jeder Dirigent oder Pianist steht vor dem Dilemma, sich in der Frage der vorgeschriebenen Wiederholungen entscheiden zu müssen, auch etwa zu manch extrem rapidem Metronomzahlen Beethovens oder Schumanns Stellung beziehen zu müssen.

Gar nicht zu reden von Fragen der, womöglich "historischen", Aufführungspraxis: welche Instrumente, welche Besetzungs-Proportionen, welche Stimmung, Artikulations- oder Verzierungs-Lösungen? Kann die gedruckte Partitur überhaupt als verbindlich angesehen werden?
Das Wesentliche, so Harnoncourt, steht oft nicht in den Noten. Das wäre der quasi "modernistische" Zweifel.

Doch erst recht die vertraute "Werkgestalt" ein Produkt der Historie, Tradition und großer Vorbilder. Und jedes Werk ist stets auch schon eine Art von Gerücht vom Werk, das es "an sich" gar nicht gibt. Fällt allein der Titel DON GIOVANNI, so stellen sich automatisch alle möglichen Assoziationen ein, kaum auf einen Nenner zu bringen.

Interpretation muß demnach erst einmal Aufräumarbeit leisten: nicht notierte Traditionen eruieren, die Fülle konventioneller Überformungen beiseiteschieben, liebgewordene Klischeevorstellungen hinter sich lassen.

Genaues Partiturstudium vermag da mancherlei Aufklärung zu leisten, aber Phililogie allein garantiert noch keine überzeugende Aufführung. Und vieles, was man für "authentisch" hält, entpuppt sich als Bündel von Fiktionen - mitunter fast nach dem Modell der "Stillen Post": Jemand sagt leise etwas zum Nachbarn, der gibt es dm nchsten weiter und so fort. Was zum Schluß herauskommt, hat mit dem "Original" oft nicht das mindeste mehr zu tun.
Natürlich hat der Opern-Fan seine Idee von etwa COSÌ FAN TUTTE im Sinne einer Summa von Aufführungserfahrungen: außerdem gibt es ja den Text. Und auf den glabt sich jeder halbwegs verlassen zu können.

Doch schon das Libretto ist keineswegs identisch mit dem, was sich wirklich ereignet.
Aufgabe des verantwortungsvollen Regisseurs ist es vielmehr, nicht nur die Entsprechung, ja Verdopplungen von Wort und Musik zu vermitteln, sondern auch deren Divergenzen aufzudpüren. Man mag zu Hans Neuenfels auch kritisch stehen, aber seine Verdi-Inszenierungen, seine Versionen von Mozarts ENTFÜHRUNG und COSÌ sind auch Musterbeispiele dafür, wie man kreativ aus der Musik das heraushört und -holt, was nicht nur die Worte sagen. Vergleiche sind nicht immer triftig.

Doch täte es gut, bei manch heftigen "Werktreue"-Disputen sich gelegentlich der Ring-Parabel aus Lessings NATHAN DER WEISE zu erinnern: "Der rechte Ring war nicht erweislich."
Man wird sich weiter um die "richtige" Interpretation der großen Werke bemühen müssen. Mit Pompösen Lippenbekenntnissen ist nichts gewonnen.

Gerhard R. Koch
(Gerhard R. Koch ist Musikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung)


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