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KRITIKEN
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SMOKE - CLOUD GATE DANCE THEATRE
Saisoneröffnung im Opernhaus Zürich
Ballett Gefühle erinnern
von Lilith Frey
...Anderthalb Stunden staunt man: Über die Vielfalt der Körpersprachen, über die Energie und Schönheit. Über die Schwerelosigkeit und zugleich Bodenhaftigkeit der Tänzer: Über die emotionale Ausstrahlung.
"Smoke" berührt. Warum genau, ist schwer zu sagen. Die Gefühle werden angesprochen, aber nicht strapaziert. Die intellektuelle Ebene ist stark genug.
BLICK, 6. September 2004
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Blütenblätterregen der Erinnerung
von Agathe Blaser
Das Zürcher Ballett unter Heinz Spoerli tanzt im Opernhaus "Smoke", ein Werk des berühmten Taiwaners Lin Hwai-min.
An einem dicken alten Baum mit weitausladenden, kahlen Ästen lehnt eine Frauengestalt. Wie Szenen aus ihrer Erinnerung wirkt das Geschehen auf der Bühne – die farbigen, lichten Bilder, die unwillkürlich aus dem Dunkel auftauchen, um wieder im Dunkel zu versinken. Zu Kammermusik von Alfred Schnittke irrlichtern Gestalten durch den Raum, formieren sich zu Walzer tanzenden Paaren oder händeringenden Gruppen, die wie ein Herz pulsieren. Ständig ändert sich die Atmosphäre, auch wegen der eingeblendeten Malereien und Videos im Hintergrund: Eine bedächtig im Wasser schwebende Schildkröte verwandelt sich dort in einen schwarzen Panther. Und ein giftgrüner Wald rast so schnell vorbei, dass den Tanzenden wie bei einer Zugfahrt der Boden unter den Füssen zu schwanken scheint.
Mit "Smoke" präsentiert Heinz Spoerlis Zürcher Ballett als erste westliche Truppe ein Werk des Taiwaners Lin Hwai-min. Die von Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" inspirierte Choreografie siedelt das Erinnern beunruhigend realistisch in einem Bereich diffuser Nebellandschaften an und verknüpft die Visionen der Hauptfigur mit raffinierten Rückblenden in die Tanzgeschichte. Während Schnittkes Musik (...) in einem schwermütigen Dialog mit den Traditionen schwelgt, zitiert der Tanz die Avantgarde von einst und lässt die starken Frauengestalten von Martha Graham und die aufregenden Tanz- und Videoexperimente von Merce Cunningham aufleben.
(...)
Obwohl asiatische Bewegungstechniken wie Kung Fu, Tai Chi und Qi Gong in "Smoke" (Lin Hwai-mins "westlichstem" Stück) nur eine untergeordnete Rolle spielen, ist die Choreografie für das Zürcher Ballett eine Herausforderung. Die vielen vom Rumpf ausgehenden weich fliessenden Bewegungsabläufe, die laut Lin Hwai-min so organisch wie jene einer springenden Katze wirken sollten, widersprechen der vertrauten Logik des Balletts. (...) Dass Lin Hwai-mins Truppe zu Hause auch Open-air-Vorstellungen gibt, die bis zu 50 000 Zuschauer anlocken, erstaunt angesichts der Kompromisslosigkeit und Komplexität des Werks, in dem ein Taiwaner mit Hilfe von amerikanischem Tanz den Zugang zur Musik eines Russen sucht.
Spoerlis Tänzerinnen und Tänzer scheinen sich im Formenreichtum des asiatischen Meisters gut zurechtzufinden. Sie tanzen "Smoke" sinnlich und päzis und wirken oft unbeschwerter und beseelter als im angestammten Stil. Wenn sich zum Schluss die Körper aus den Kleidern schälen und selbst der kahle Baum zu träumen beginnt und sich wie in einer Filmszene von Akira Kurosawa in frühlingshaften Blütenregen hüllt, ist das Publikum im Opernhaus zu Recht begeistert.
DER TAGES-ANZEIGER, 6. September 2004
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Streifzug der erinnerten Seelen
Das Zürcher Ballett tanzt "Smoke" von Lin Hwai-min
von Christina Thurner
Wenn Erinnerungen plötzlich lebendig werden, ist es, als huschten die Geister vergangener Augenblicke vorbei und streiften einen wie ein Luftzug voller Farben und Klänge. Normalerweise dauert ein solches Gedankenereignis Bruchteile von Sekunden oder höchstens eine Traumphase lang. In "Smoke", dem Ballettstück des Choreografen Lin Hwai-min aus Taiwan, darf das Publikum hingegen hellwach während eineinhalb Stunden in den Prozess des Erinnerns eintauchen. Dabei wird es Zeuge, wie die verlorene Zeit traumhafte Blüten treibt. Ausgehend von einem Standbild, bestehend aus drei Paaren, lösen, entwickeln und verselbständigen sich bestrickende Bilder, tun sich neben einem beinahe abgestorbenen Baum (Bühne: Austin Wang) Welten aus kleinen Gesten und grossen Bewegungen auf, um schliesslich wieder in Rauch aufzugehen oder abzutauchen.
Das Zürcher Ballett tanzt "Smoke" zu Musik von Alfred Schnittke - vielschichtig gespielt von Mitgliedern des Orchesters der Oper Zürich mit Alexey Botvinov am Klavier und Claudius Herrmann am Violoncello - als berückenden Erinnerungsbilderbogen. Zum ersten Mal hat Lin Hwai- min, Leiter des berühmten Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan, eines seiner Stücke mit einer westlichen Ballettkompanie einstudiert. "Smoke" sei das europäischste seiner Werke, sagt der Choreograf selber. Vielleicht unterscheidet sich deshalb der Tanz von Heinz Spoerlis Gruppe zunächst noch nicht wesentlich erkennbar von jenem ihres sonstigen Ballett-Repertoires. Erst allmählich schleichen sich ungewohnte, neuartige Körperhaltungen und -gesten in die Aufführung ein, formieren sich Szenen und Bilder, die in der Tat ein Hauch des fern Erahnten umweht. Dennoch ist die Darbietung von "Smoke" keineswegs eine exotische Schau, sondern vielmehr ein stimmiges Zusammenspiel von ganz verschiedenen kulturellen Zeichen und Metaphern, die sich gegenseitig in der Mischung nicht verwischen, sondern je in ihrer Eigenheit bespiegeln.
Ausgangspunkt von "Smoke" war das Bild vom Rauch jener Feuer, in denen die Hindus am Ganges ihre Toten verbrennen. Es kamen Eindrücke vom europäischen Frühling hinzu, vom Friedhof in Prag, auf dem Franz Kafka begraben liegt; auch Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" prägt die Choreografie, die schliesslich Alfred Schnittkes mehrdimensionalen und assoziationsreichen Klavier- und Cellostücken entlang Gestalt bekam. Das Zürcher Ballett hat für die Einstudierung des 2002 in Taipeh uraufgeführten Werks unter anderem Tai-Chi trainiert und sich offensichtlich auch die spezifischen Ausdrucksqualitäten des Grahamschen Modern Dance einverleibt, den Lin Hwai-min jeweils mit chinesischen Körperkunstformen mischt. So sind die Bewegungen der Tanzenden sehnsüchtig durchdringend gegen innen gerichtet, um im nächsten Augenblick als überschwängliches Glück oder rasender Schmerz hervorzubrechen. Das Stück schichtet aber auch verschiedene Atmosphären, Bewegungsqualitäten und -tempi ineinander, greift im Hintergrund subtile Zwischentöne der Musik auf, während vorne zum Fluss der Sonaten gewirbelt wird.
Einer zentralen Figur, ausdrucksstark gegeben von Ana Carolina Quaresma, scheinen sich verschiedene Szenen ihres Lebens zu vergegenwärtigen. Diese treten verkörpert auf, begleiten oder bedrängen sie. In verschiedenen Gruppenformationen, Pas de deux und Soli lösen sich neunzehn Tanzende wie überindividuell erinnerte Seelen immer wieder von der Ausgangsfigur ab. Flackernden und funkensprühenden Feuern sowie plätschernden oder tosenden Wassern gleich zittern und flirren Arme und Finger, wogen Körper durcheinander. Das Corps de Ballet huscht leitmotivisch in flüchtigen Walzern über die Bühne, die wie ein Spuk durch einen Schleier erscheinen; es ballt sich zu Knäueln aus fuchtelnden Extremitäten zusammen, stellt rasenden Kamerafahrten im Hintergrund knorrige Gebilde entgegen oder gibt verstreut poetische Handballette aus dem Dunkeln. Vor allem die Frauen der Kompanie bringt "Smoke" eindrücklich zur Geltung. Yen Han etwa tanzt einen feinen, feenhaften bis dämonischen Widerpart zu Quaresma, und Itziar Mendizabal begehrt nackt gespenstisch aus dem Wasser auf, das wie ein Spiegelteich in den Bühnenboden eingelassen ist. Einen Moment noch geblendet vom Licht der Erinnerung, deren Teil sie selber sind, frieren die Figuren schliesslich wieder zum Monument ein. Verflüchtigt haben sich die Erscheinungen, doch als bildstarke Augenblicke bleiben sie gespeichert - nun auch im Körper der Zürcher Ballerinen und Ballerinos und im Gedächtnis ihres Publikums.
NEUE ZüRCHER ZEITUNG, 6. September 2004
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Lin Hwai-min: "Smoke"
von Horst Koegler
Ein fulminanter Auftakt zur Spielzeit 2004/5 beim Zürcher Ballett mit Lin Hwai-mins "Smoke". Es ist die schon zur Tradition gewordene Ballettpremiere – noch vor dem großen Opernstart. Das Orchester ist noch in den Ferien, doch getanzt wird zu Live-Musik. Also ist Kammermusikalisches angesagt – wie bei so vielen Spoerli-Balletten. Konzentrierte der Chef sich zuletzt auf die Cello-Solosuiten von Bach, so gehen auch diesmal wieder vom Cello die entscheidenden Impulse aus: Sonaten, ein Trio und ein Quartett von Alfred Schnittke, mit Claudius Herrmann, dem Solocellisten des Zürcher Opernorchesters im Mittelpunkt seiner Kollegen, der ja nachgerade zum Tanz-Cellisten des Zürcher Balletts avanciert ist. Schnittkes Musik taucht das Ballett in eine nervöse, febrile Atmosphäre, die ihren Halt findet in mehrfach wiederkehrenden Walzer-Episoden.
Hwai-min will seinen Titel "Smoke" als "Geruch des Rauchs jenes Feuers" verstanden wissen, "mit der die Hindus am Ufer des Ganges die Leichen ihrer Toten verbrennen". Er hat bei ihm aber, zusammen mit der Musik Schnittkes, eine Assoziationskette ausgelöst, die bis zu Prousts "Duft einer verlorenen Zeit" reicht – und darüber hinaus wohl auch bis zu James Joyce und seinem endlos fließenden Bewusstseinsstrom. Es geht also um Erinnern, Vergegenwärtigen und wohl auch um Zukunftsvisionen. Das geschieht in neun nahtlos ineinander übergehenden Episoden, Gruppen, kleineren Ensembles, Pas de deux, wenigen Soli, die sich siebzig pausenlose Minuten aneinander reihen. Skizzen der verschiedensten Art und Charakters – nichts dingfest Narratives ist darunter – Freiräume für die Fantasie des Publikums – aus dunkelster Nacht hervorgeleuchtet (atmosphärisch suggestiv von Chang Tsan-Tao) – unter einem riesigen Baum (Austin Wang), der bei mir wiederum die Assoziation einer Weltesche vom Nibelungenstamm ausgelöst hat.
Spezifisch Fernöstliches, Taiwanesisch-Chinesisches habe ich nicht entdecken können – aber vielleicht reichen meine Kenntnisse asiatischer kultureller Traditionen einfach nicht aus. Doch auch choreografisch habe ich die anderen Stücke von Hwai-min viel stärker von spezifisch taiwanesisch-chinesischen Techniken geprägt in Erinnerung. Dies ist ein doch sehr von zeitgenössisch-abendländischen (gerade auch amerikanischen) Techniken inspiriertes Stück, souverän gehandhabt und hautnah der Musik angepasst, von einer lautlosen, geradezu zärtlichen Geschmeidigkeit und Biegsamkeit. Ungemein virtuos, auch im Gebrauch der Hände und Arme, mit erstaunlich vielen Sprüngen, aber das gleichsam sostenuto, ohne ostentative artistische Bravour. Sehr beeindruckend, ja bewegend, so dass ich das Ganze am liebsten gleich noch einmal gesehen hätte.
Einmal ganz abgesehen davon, Heinz Spoerli zu beglückwünschen, dass es ihm gelungen ist, diesen heute berühmtesten und wichtigsten Choreografen des Fernen Ostens bewogen zu haben, ein erstes Mal eine seiner Arbeiten einer klassisch basierten Opernballettkompanie zu überlassen, beweist die Produktion einmal mehr, dass eine gut geschulte klassische Truppe in der Lage ist, sich die unterschiedlichsten choreografischen Handschriften anzuverwandeln. Wobei daran zu erinnern ist, dass die Zürcher sich ja auch bereits einen Cunningham erarbeitet haben (welche deutsche Kompanie könnte das schon von sich behaupten?) Die Zürcher tanzen das mit einer selbstverständlichen Matter-of-Factness-Souveränität – einer von ihnen, der Armenier Davit Karapetyan mit einer geradezu staunenerregenden Nonchalance.
Eine andere Überlegung! Wie wäre es denn, wenn man sich an Alexander Pereiras Opernhaus einen Zürcher Ballettherbst einfallen ließe? Ein paar Vorstellungen zu Beginn der Saison, gebündelt, die Klassiker vielleicht mit dem einen oder anderen auswärtigen Stargast, dazu ein klassisches und womöglich ein modernes Gastensemble, am Schluss dann eine Gala! Was Hamburg sein Nijinsky ist (hat der je in Hamburg getanzt?) sollte den Zürchern allemal ihr Wilhelm Tell wert sein!
tanznetz.de, 4. September 2004
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