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KRITIKEN
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SALOME
Perversion zum Küssen
von Stephan Mösch
1906 als Graz die erste Salome auf eine österreichische Bühne schickte, saßen Puccini, Mahler,Schönberg und Berg im Parkett. Jeder wird seine Gründe gehabt haben, seine Neugier und vielleicht sogar seine eigenen, nie niedergeschriebenen Klänge zum Skandalstück von Oscar Wilde.Man kann sich das ausmalen: Puccinis Intermezzo zu Salomes Tanz. Mahlers Instrumentationskostüm für den Hof des schrillen Herodes, Schönbergs Emphase für den Propheten, Bergs tua-res-agitur-Gebärde für die Lulu von Galiläa. Eine herrliche, eine absurde Spekulation. Strauss ist vorgeprescht. Danach war der Stoff abgehakt und - nebenbei - die Literaturoper etabliert.
Bei der jüngsten Grazer Salome-Premiere saß ein knappes Dutzend Opern- und Schauspielchefs im Parkett Alle hatten nur einen Grund: die neue, die vierte Operninszenierung von Martin Kusej. Eigentlich hatte es auch die erste sein können. denn als Intendant Gerhard Brunner vor sechs Jahren ihm diese "Salome" anbot, war der aus Kärnten stammende Regisseur noch ein unbeschriebenes Blatt. Allerdings hatte er beim Wiener Tanzfestival '94 "Kill Pig Devil Passion Finish God" zusammengebraut. Auch da ging es um Schweiß und Schrecken und Mord und Totschlag. Und vor allem um abstruse psychologische Innenansichten.
Kusej hat ein Händchen dafür. Auch sein Bühnenbildner Martin Zehetgruber. Der Raum dieser "Salome" kennt - wie schon bei "Fidelio" und Nonos "Al gran sole" der beiden in Stuttgart - keinen Ausweg. Eine Druckkammer, eine von Verwesung angemoderte Luftblase in der sich noch Menschen aufhalten. Das Wasser steigt, und wer noch über die wackelnden Holzplanken balancieren kann, muß wohl noch leben: "Salome", auf dem Wasser zu singen. Grünliches Licht dumpft aus dem Nichts. Der Mond ist, ein stummes Tableau zu Beginn, explodiert. Das heißt ganz nach Nostradamus: Die Welt ist am Ende. Nein, nicht: Apocalypse Now. Kusej klaut nicht in Hollywood. Er deutet auch nicht mit dem Zeigefinger. Er denkt mit durchaus theatralischen Mitteln zusammen, was zusammengehört: Morbidezza und Selbstverliebtheit der Zeitenwende, Schwüle und Selbstsuche des Fin de siècle, Exotismus und Freud, Familienhölle und die christliche Emanation vom Weltengericht.
In der Figur des Jochanaan blendet er alles übereinander. Der wird wie ein Sack aus der mit Wasser gefüllten Unterbühne gezogen, rast als gehetztes Tier den Raum ab, ersticht im Handgemenge seinen Widersacher Narraboth, verwünscht die Frau, die er sich wünscht: ein schöner. ganz unheldenhafter Prophet, den der junge Miguelangelo Cavalcanti da auf die Bühne stellt und den er bald noch besser in der lyrisch timbrierten Stimme haben wird. Mit den Füßen nach oben schwebt er in den Tod. Elias? Johannes der Täufer? Oder der Johannes der Offenbarung? Oder schon der Angekündigte persönlich! Feiste Soldaten drapieren ihn zum Kreuzträger. Und in diesem Moment hört man, wie schamlos Strauss die "Parsifal"-Partitur geplündert hat: Erlösung dem Erlöser. Kusej läßt solche hintersinnigen Assoziationen aufblitzen, kontroverse Kunstreligion im Sog der allzu späten Romantik, und mischt eine Prise Blasphemie darunter.
Erlösung dem Erlöser aber durchaus auch im erotischen Sinn: Wie sich Salome und Jochanaan aus dem hochgezüchteten Kult ihrer Keuschheit pellen, sich entdecken, entsetzen, entfremden, das ist eine der vielen Gechichten, die der Abend erzählt - virtuos zusammengehalten durch das Spielen mit dem Hals. So wie Georg Büchner das Motiv des Kopfabschneidens in unendlichen Sprachvarianten durch "Dantons Tod" geistern lässt, so findet sich hier ein diskretes, spielerisches Bewegungsnetz, das vor und zurückweist.
Natürlich kein Schleiertanz. Stattdessen entschleiert sich, was Sache ist. Und auch das weist vor und zurück. Kleine Babypuppen kraxeln ferngesteuert aus den Wasserlöchern, während Salome den geilen Vater mit Blicken festnagelt. Zeichen des Inzests, Zeichen auch der aufkeimenden Liebe nach der Begegnung mit Jochanaan. Dann reißt Salome, diese Frau ohne Schatten, die die Stimmen der Ungeborenen nicht ertragen kann, einer der Puppen Arme, Beine und Kopf ab. Liebe hat sie nur als Zerstörung erlebt. Deshalb fordert sie den Kopf. Der Tanz zeigt ihre Metamorphose zur Mörderin. So sieht es aus, wenn man das große, alte Theaterthema vom Ineinander zwischen Liebe und Tod nicht als Abstraktion anhimmelt, sondern als psycho-physische Spannung ausspielt.
Daß das in Graz funktioniert, liegt natürlich vor allem an der phänomenalen Sylvie Valayre. Eine Stimme, die in allen Lagen leuchtet, sich zurücknehmen ann, Zwischentöne formt, den Ausbruch zuläßt. Eine Sängerin von bewundernswerter Distinktion und Disziplin. Eine Figur, die klar ist und unerklärbar, ogisches Rätsel, zärtliche Furie. Perversion zum Küssen.
Wolfgang Bozic umkost sie mit Klängen, dosiert sein fulmulant aufgelegtes rchester, tariert die Balance geschickt aus. Blitzartig schnellen die Fortissimotakte zur Elfenmusik zurück. Instrumentalsoli spinnen ihr Filigran. Rausch und Ratio. Kühles und Kultisches klingen zusammen, als wär's nie anders gewesen. Kein plüschig-orientalischer Klangteppich. Dafür kalkulierte Koloristik, auskomponierte Wirkung.
Auch darin korrespondiert die Szene. Wirkung mit Ursache ist angesagt. Kusej uuml;bertreibt manchmal, wie die Musik. Er verbessert sie nicht zum Kammerspiel.Er übersetzt sie, ihren Aufwand im leisen wie im Lauten, ihre Überwältigungstrategie. Und dabei ist er genauso selbstverliebt, anspielungsreich und genauso intelligent. Das Ensemble genießt diese Konstellation offenhörbar: Michael Pabst als absolut wortverständlicher, im vollen vokalen Saft stehender Herodes, Lani Poulson als junge, wohlklingend wildkeifende Herodias. Walter Pauritsch als Ziehharmonika quetschender, tenoral keineswegs nur schmachtender, sondern zupackender Narraboth.
Graz hat wieder eine "Salome" zum Vorzeigen. Wie 1906.
OPERNWELT (Juni 1999)
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Wenn auch die Propheten schuldig werden...
von H.G.Pribil
Der 1961 in Kärnten geborene Regisseur Martin Kusej, der in Deutschland bereits längst weit mehr als ein Geheimtip ist, ist in seine Heimat Österreich zurückgekehrt und lieferte am Grazer Opernhaus seine erste Opernregie ab. Eine Neuinszenierung der "Salome" von Richard Strauss hatte am Sonntag dort Premiere. Um es gleich vorwegzunehmen: Das war eine der außergewöhnlichsten, aufregendsten und spannendsten Strauss-Premieren.
Keine Frage: Kusej ist ein Schocker, ein Wüstling, ein Verweigerer, der nicht gewillt ist, Erwartungen zu erfüllen. Er liebt es, zu verstören, wachzurütteln.Auch wenn man nicht immer alles versteht: Man kann sich der Faszination dieser prallen und eigenwilligen Figuren, die Kusej in diesem genialen Einakter auf die Bühne bringt, einfach nicht entziehen. Man folgt dem Geschehen atemlos und mit nicht erlahmender Anspannung. Natürlich "braucht" dieses Meisterwerk dieses absolute Regietheater nicht, aber es ist durchaus eine Möglichkeit - und spannender kann eine "Salome" einfach nicht sein. Und bei aller Freizügigkeit beim Umgang mit dem Text: Kusej verstößt in keinem Moment gegen die Musik. Also hat er seine Feuertaufe in Sachen Opernregie wahrlich fulminant bestanden.
In der neuen Grazer "Salome"(Bühnenbild: Martin Zehetgruber) hat die Apokalypse, von der Jochanaan immer wieder spricht (singt), bereits stattgefunden. In einem verlassenen, palastähnlichen Gebäude, das von einer Kuppel überwölbt wird, fehlen viele der Fußbodenbretter, und unter dem Fußboden scheint es nur noch Wasser und Blut zu geben. Im Hintergrund drei riesige Fenster mit Rolläden, die am Ende hochgezogen werden und erkennen lassen, daß demnächst wohl die gesamte Palastruine im Wasser versinken wird. Keine wie immer geartete Idylle stört die Ausweglosigkeit dieser Situation.
Und in diesem trostlosen, endzeitlichen Ambiente läuft die Tragödie von Liebe, Zurückweisung und Tod mit bedingungsloser und schonungsloser Konsequenz ab. Wobei Kusej mit absolut neuen Facetten bei der Zeichnung der Personen aufwartet - ohne Rücksicht auf Erwartungshaltungen.
Sieht man von dem (gewiß unnötigen) "Standbild" vor Beginn der Oper ab, dann tritt die erste Verunsicherung mit dem Erscheinen des Propheten ein. Das ist kein würdevoller, charismatischer Jochanaan - das ist ein gehetztes Tier, das aus seinem Gefängnis gelassen wird, das in panischer Angst über den löchrigen Bühnenboden rennt.
Das Ungewöhnlichste an dieser Inszenierung aber ist wohl die Beziehung Jochanaan/Narraboth. Dieser Narraboth ist nicht einfach ein nach Salome schmachtender Hauptmann. Seine Eifersucht treibt ihn fast bis zum Wahnsinn, und er erhebt sogar das Schwert gegen Jochanaan. Aber er fällt nicht durch Selbstmord. Es kommt vielmehr zu einem Handgemenge mit Jochanaan, an dessen Ende Narraboth (durch ein Missgeschick?) tödlich getroffen wird. Hat der Prophet Schuld auf sich geladen? Über seine blutigen Hände nach dem Tod des Narraboth ist er jedenfalls entsetzt...
Gegenüber Salome ist Jochanaan durchaus ein Prophet zum Angreifen. Was die Frage nach seinem schuldig werden, nach seinem "Versagen" als Mensch natürlich nicht beantwortet - aber auf die Spitze treibt.
Aber Kusej stellt auch ansonsten manches auf den Kopf. So wird Jochanaan z. B. nicht in einer unterirdischen Zisterne enthauptet, sondern in der Kuppel, in die er zuvor - mit den Füßen voran - hinaufgezogen wird. Und aus der Kuppel fällt dann auch der Kopf herab, wobei sich Kusej mit "Kleinigkeiten" wie einer Silberschüssel natürlich gar nicht erst abgibt.
Ungewöhnliches auch beim "Tanz der sieben Schleier" (die es natürlich gar nicht gibt). Herodes schält zwar anfänglich Salome aus einem weißen Korsett (Kostüme: Heidi Hackl), dann aber entspinnt sich eher ein (gewiß nicht holzhammerfreier)
"Seelen tanz" der Prinzessin. Immer mehr kleine, nackte, bewegliche, ferngesteuerte Babypuppen (mehr als ein Dutzend) bevölkern die Bühne und beschäftigen Salome, die schließlich eine Puppe verächtlich in ihre Bestandteile zerlegt. Nach einigen spastischen Zuckungen von Salome am Boden, die Herodes fast zum Orgasmus treiben ist diese "Tanzverweigerung" dann vorbei.
Natürlich Kusej das Drastische und Schonungslose. Aber die "Salome" ist nun einmal (auch) eine Oper der Perversionen. Und so geht es dann auch im Schlussgesang der Salome nicht zimperlich zu. Da liegt nicht ein steriler Plastikkopf feinsäuberlich in einer Silberschüssel und wird liebevoll gekost - da wird mit einem bluttriefenden Haupt herzhaft und handgreiflich hantiert bis das weiße Kleid der Prinzessin (mit transparentem Oberteil) vollkommen blutverschmiert ist, und das Blut nicht nur von den Wänden rinnt. Da hat sich die Frage, ob die Liebe bitter schmecke, schon längst beantwortet. Und da bedarf es natürlich auch keiner Soldaten, die Salome mit ihren Schilden erschlagen. Mit wahnsinnigem, leerem, erlöstem Blick im weiß strahlenden Gesicht steht sie aufrecht an der Rampe, bis sie in der Finsternis des erlöschenden Scheinwerferkegels verschwindet.
Sämtliche Protagonisten ordnen sich dem Konzept von Martin Kusej bedingungslos unter und erbringen auch stimmlich hervorragende Leistungen. Großartig, strahlend, schonungslos, brennend intensiv und von beachtlicher Wortdeutlichkeit Sylvie Valayre in der Titelpartie. Profund und beachtlich der Jochanaan von Miguelangelo Cavalcanti. Prächtig und vielschichtig der Herodes von Michael Pabst und die Herodias von Lani Poulson. Walter Pauritsch konnte dem Narraboth viel Profil verleihen. Tadellos der Page von Natela Nicoli.
Und am Pult des vorzüglichen Grazer Philharmonischen Orchesters war der souveräne Wolfgang Bozic ein verlässlicher Garant für dynamisches, expressives und ausgewogenes Musizieren von größter Transparenz.
Nach eindreiviertel Stunden atemberaubender Hochspannung gab es nach dem Schlußakkord zuerst lange Sekunden ebenso atemberaubender Stille. Dann aber einen ungeteilten Jubelorkan für alle Beteiligten.
Auch Wiens Staatsopern-Direktor Ioan Holender befand sich unter dem Grazer Premierenpublikum. Er wird wohl wissen, was er jetzt zu tun hat. Für eine von Martin Kusej inszenierte "Elektra" würde ich jedenfalls um den halben Erdball reisen...
WIENER ZEITUNG, 4. Mai 1999
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