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KRITIKEN


MADAMA BUTTERFLY

Butterfly als Utopie-Angebot
Peter Konwitschny inszeniert Puccini in Graz
von Kämpfer

Das Theater von Peter Konwitschny lebt von der Unabgegoltenheit seiner Konflikte, vom Aufbruch aus allzu problemloser Inszenierungstradition. Seine Figuren sind stets auf der Suche nach menschlicher Begegnung, nach Nähe und Kommunikation. Ihre Deformierungen aufzuzeigen im Gesellschaftskontext - das versteht der Regisseur als seine Form politisierten Theaters; gleichwohl legt er Werkschichten frei, die Visionen von Hoffnung anbieten, Konfliktlösung, vermittelte Alternative.

Auch die neueste Arbeit - Puccinis "Madame Butterfly" am Opernhaus Graz - fügt sich in solcherlei Intention. Für Konwitschny thematisiert das 1904 geschriebene Stück die Unvereinbarkeit europäischer Realität mit dem Traum glücklich lebbarer Existenz - verlängert bis in heutige Gegenwart. Sehr differenziert arbeitet er daher gegen Rührseligkeiten an, gegen süßliche Oberflächlichkeit üblichen Puccini-Verschnitts. Verhandelt wird eine Tragödie zwischen Individuen; diese entstammen verschiedenerlei Kultur. Nicht geographischer Art sind die Abgründe zwischen ihnen, so wie das Sujet suggeriert, - sondern bestimmt durch ihr Geschlecht: zwei Arten zu lieben sind ungleich miteinander konfrontiert, zwei Arten von Existenz. Ein Mann bindet an sich eine Frau, bald ist sie verlassen, verraten, verdrängt. Doch die Frau liebt, sie ist schwanger, lebt mit einer Frau, und tötet sich schließlich für ihre Ideal von Partnerschaft.

Diese Botschaft kristallisiert sich im szenischen Verlauf, der Beginn wirkt lapidar. Die Figuren erscheinen zunächst reichlich eindimensional, in sich verschlossen. Erst nach und nach brechen sie auf, legen Ängste frei, Bedrängnisse, Gefühle, auch Aggression. Als therapierte er sie, so nimmt sich der Regisseur ihrer an - keine wird moralisch deklassiert, keine bleibt in sich widerspruchsfrei.

Utopisches allerdings ist klar von weiblicher Art. Das assoziiert in erster Instanz Bühnenbildner Jörg Koßdorf mit seiner Raumdramaturgie: Nicht Personen, sondern Bilder-, Dia- und Video-Projektionen bestimmen das rein männlich besetzte Entree. Darauf Asien als käufliche Welt: Frauen, Grundstücke, Städte - eine gespenstische Verkehrsmaschinerie. Butterflys Welt dagegen lädt ein in eine andere Dimension, Konwitschnys Asien ist ein Teil von uns selbst, der verschüttete Ort von Kindheit und Traum: "Da ist Farbe, sind die zarten Formen, das ist wie Phantasie, und das erfüllt die gesamte Bühne. Und es gibt eigentlich nur mehr Spiel, Kontakte, Erotik im Sinne von Offen-Sein."

Nur ein einziges Mal- in der Hochzeitsnacht Pinkertons und der Butterfly - eröffnen sich Menschen einander im Glück. Fortan werden alle Angebote vergeben, zerblättert die Idylle, altert der (reichlich geometrische) Raum mit seinen Figuren: am Warten, an der Isolation, im Tagesbetrieb. Alltag und Utopie stehen zueinander unvermittel hart - so wie bei Puccini die dramatisch-abgründigen den schlagerhaft-unterhaltenden Passagen folgen.

Das Solistenensemble - durch Ausgewogenheit überzeugend - trennt diese Sphären prägnant und manifestiert permanent Ambivalenz. Maureen Brown in der Titelpartie beispielsweise spielt die zu junge japanische Gattin und zugleich die erfahrene, die selbstbewußte und auch die alternde Frau. Hans Aschenbach als US- Leutnant Pinkerton agiert mit substanzvoller Jugendlichkeit und bricht zunehmend auf in Verzweiflung und Schmerz. Juli Bernheimer als Suzuki und Ludovic Konya als Konsul Sharpless stehen ihnen als Widerspruchträger kaum nach. Das Orchester mit Wolfgang Bosic am Pult dagegen eröffnet eine Partitur, in der Zwischentöne dominieren. Neben leidenschaftlichen Eruptionen faszinieren stille Traumszenerien - in merkwürdig schwebender Harmonik gesetzt, in kaum greifbarem Pianissimo musiziert. Hier haben die Protagonisten zu schweigen - hier wird erzählt, was noch immer möglich ist.

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG , 15. Mai 1992


Als Nippons Bilder laufen lernten
Mitreißende Neuinszenierung von "Madame Butterfly" im Grazer Opernhaus
von Manfred Blumauer

Giacomo Puccinis Oper Madama Butterfly zerfällt, nach dem Augenschein der Grazer Neuinszenierung zu urteilen, in folgende Teile: ein Vorspiel mit Dia-Schau, in welchem der japanische Heiratsvermittler Goro dem Marine-Lieutenant Benjamin Franklin japanisches Hauswesen erklärt und der amerikanische Konsul aus dem Orchestergraben steigt, zwei Akte der Haupthandlung, einem Kino-Zwischenspiel, das in Schwarzweiß-Laufbildern ameisenhaftes amerikanisches Großstadtleben zeigt, und den Schlußakt, in welchem sich die arme Butterfly zuletzt bei hell erleuchtetem Zuschauerraum den Dolch in die Kehle stößt.

Das sogenannte Regietheater hat also noch seine Möglichkeiten, wenn es ein Werk-Ganzes so konsequent neu erfaßt. Und das gilt hier auch für die Musik: Wolfgang Bozic machte schon im heftigen Eingangs-Fugato klar, daß er es nicht mit dem jugendstilartigen Ornament, nicht mit dem Puppenhaften und Süßlichen halten werde. In der dramatischen Verschärfung der Partitur stimmte sein Anteil mit der Auffassung des Regisseurs genau überein.

Peter Konwitschny, der den Grazern schon eine ungewohnte Verkaufte Braut beschert hatte, gab, unterstützt durch Jörg Koßdorffs Bühnenbilder und Hanna Warteneggs Kostüme, auch den Genre-Szenen einen sich steigern den dramatischen Zug.

Der Erfolg wäre so eindeutig nicht geworden. hätte nicht auch das Musikalische gestimmt. In der Titelrolle war mit einer Sängerin neue Bekanntschaft zu machen, die ab der nächsten Saison dem Grazer Ensemble angehören wird: mit der Kanadierin Maureen Browne, deren Sopran in Höhe und Beweglichkeit über alle Voraussetzungen für diese Partie verfügt. Für ihre große Soloszene im zweiten Akt erhielt sie spontanen Szenenapplaus. Zwei andere Stimmen wird man in der nächsten Saison in Graz vermissen: die von Julia Bernheimer (Suzuki), David McShane (Yamadori).
Hans Aschenbach setzte als Pinkerton seinen Tenor schwungvoll ein. Ludovic Konya verkörpert als Konsul Sharpless die alte Grazer Qualität, Michael Roider als spielfreudiger Goro die neue. Als Bonze lehrt Konstantin Sfiris mit seiner Stimmkraft das Fürchten.

Neuerlich bestätigte sich, was Graz an Wolfgang Bozic hat - einen Dirigenten mit Klangsinn und ausgeprägtem Differenzierungsvermögen in Tempo und Dynamik.

DER STANDARD , 5. Mai 1992





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