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DAS OPERNHAUS GRAZ UNTER DER INTENDANZ VON DR. GERHARD BRUNNER 1990-2001

Dramaturgische Linien

Im Herbst 1990 trat Dr. Gerhard Brunner das Amt des Intendanten der "Vereinigten Bühnen Stadt Graz, Land Steiermark" an. Der ehemalige Musikkritiker und langjährige Ballettdirektor der Wiener Staatsoper war vom Theaterausschuss der Bühnen rund zwei Jahre zuvor als Nachfolger von Dr. Carl Nemeth gekürt worden. Nach elf Jahren übergibt er am Ende der Saison 2000/2001 dieses Amt an seine Nachfolgerin Karen Stone. Als Intendant war er allerdings nicht nur für die Oper, sondern letztverantwortlich auch für das Schauspielhaus zuständig: Zehn Jahre lang währte die Zusammenarbeit mit Schauspieldirektor Marc Günther.

Im fünften Jahr seiner Intendanz konnte er eine dritte ständige Spielstätte im Verband der Bühnen Graz eröffnen: Das Jugendtheater "Next Liberty" entwickelte sich unter der Leitung von Brigitta Thelen zu einer außerordentlich erfolgreichen Spielstätte für Kinder und Jugendliche, die - was positive Resonanz und Besucherfrequenz betrifft - in der vergleichbaren Theaterlandschaft einmalig dasteht. Die Belebung der Freiluftbühne am Grazer Schlossberg, die regelmäßige Erweiterung des Angebotes in die Sommerzeit hinein mit viel beachteten Gastspielen - vom Ballett und der Oper des Moskauer Bolschoi, dem Ballett des St. Petersburger Mariinskj-Theaters über "Cats" und "Stomp" bis "Porgy and Bess"- prägten das kulturelle Leben der steirischen Landeshauptstadt weit über den alltäglichen Vorstellungsreigen hinaus.

Durchaus programmatisch eröffnete Intendant Brunner seine Ära mit einer Einladung an Ruth Berghaus, in Graz "Lohengrin" zu inszenieren. Der elfjährige Premieren-Reigen schloß sich mit der Neuinszenierung von Puccinis "Turandot" durch Tatjana Gürbaca, einer Meisterschülerin von Ruth Berghaus und Peter Konwitschny. Dazwischen liegen, neben vielen anderen, sieben Inszenierungen von Peter Konwitschny, der schon in Brunners erster Saison mit Smetanas "verkaufter Braut" sein Visitenkarte abgegeben hatte.

Ein Zyklus von vier Janácek-Opern prägte die ersten Spielzeiten, Wagners "Ring" die beiden letzten. Mozart war mit "Entführung" und "Zauberflöte" sowie den drei Da-Ponte-Opern vertreten. Zehn Neuproduktionen von Verdi-Opern (zwei davon konzertant), die Belcanto- Opern mit Werken von Donizetti (2), Rossini (2) und Bellini, weiters viermal Puccini sowie Mascagni/Leoncavallo zeigen eine starke Präsenz des italienischen Faches. "Der Freischütz", Schuberts "Alfonso und Estrella", "Beethovens "Fidelio", Wagners "Holländer", "Tannhäuser" sowie "Tristan und Isolde" standen für die deutsche Oper des 19. Jahrhunderts.

Das 20. Jahrhundert schließlich war mit fünf Uraufführungen ( Werken von Haubenstock-Ramati, Furrer, Kubo, Kühr und Hölszky), mit Bergs "Wozzeck", mit Busonis "Doktor Faust", mit den Grazer Erstaufführungen von Schönbergs "Moses und Aron" und "Erwartung" sowie von Kührs "Stallerhof" vertreten. Zum 20. Jahrhundert gehören ebenso Richard Strauss ("SALOME", "Elektra" und "Rosenkavalier"), Bartóks "Blaubart", die schon genannten vier Janácek- Werke und Puccinis Oeuvre. Die musikalische Seite der "Tanzabende" im Schauspielhaus und der Ballettproduktionen im Next Liberty ist ebenso der Gegenwart zuzurechnen wie die jährliche Musical-Produktion und die kontinuierlichen Uraufführungen der Kindermusicals ganz aktuelle Formen des zeitgenössischen Musiktheaters darstellen.
Die steigende Beliebtheit des Musical-Genres korrespondierte deutlich mit dem sinkenden Interesse an der Operette. Die hier auf die Nachfrage reagierenden Aufführungszahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Das Ballettensemble erhielt in der Ära Brunner viele dankbare Aufgaben: Neben den schon erwähnten drei Tanzabenden im Schauspielhaus gab es unter der choreografischen Betreuung von Darrel Toulon zwei Ausflüge in die Pop-Rock-Gefilde. Toulon folgt nun Linda Papworth als Ballettdirektor nach. Die Präsentation vieler Ballettklassiker wie "Nussknacker", "Sylvia", "Giselle", "La fille mal gardée" ("List und Liebe") und eines Bournonville-Abends, zwei Spoerli-Choreografien ("La belle vie", "Romeo und Julia")und ein Copland/Gershwin-Abend von Linda Papworth bewiesen immer wieder den hohen technischen Standard des Grazer Ballettensembles. Eine besondere Tanztheater-Produktion schließlich stellte die Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus dar:
Martin Kusejs "Pig Devil Passion Finish God." wurde auch als Gastspiel in Wien viel beachtet.

Aus all diesen (noch bei weitem nicht vollständigen) Aufzählungen und Gruppierungen der in der Ära Brunner präsentierten Werke lässt sich die dramaturgische Intention unschwer erkennen: Die zeitlich ältesten Werke sind jene Mozarts. Das italienische Fach ist sehr stark vertreten, das zwanzigste Jahrhundert spielt eine besonders wichtige Rolle, die deutsche Romantik steht an dritter Stelle. Slawisches war mit vier Janácek-Werken, Französisches mit Bizets "Carmen" und Offenbachs "Schöner Helena" vertreten. Jede Operndirektion steht vor der Qual der Wahl, muss aus der Fülle einer vierhundertjährigen Tradition und der Gegenwart eine Auswahl treffen, die eine Linie vorgibt.

Neben der Werkauswahl gilt die zweite grundsätzliche Entscheidung der Frage, in welcher Art und Weise die nun gekürten Werke präsentiert werden. Die Intendanz muss sich entscheiden für die Sängerinnen und Sänger, die den Stücken erst Kraft ihrer Bühnenpräsenz Leben einhauchen, für die Dirigenten, deren Über- und Umsicht erst das Klangereignis schaffen, schließlich für die jeweiligen szenischen Leading Teams, die Verantwortlichen für Regie, Bühne und Kostüme: Durch ihr Zusammenwirken konstituiert sich das Ereignis des Gesamtkunstwerkes "Musiktheater". Das Profil eines Hauses und seiner Leitung entsteht aus all diesen Faktoren.

Dass in der "Ära Brunner" das Grazer Opernhaus ein sehr markantes, unverwechselbares Profil entwickelt hat, steht außer Zweifel. Das musikalisch-sängerische Niveau hat, bei Durchsicht aller Kritiken und bei Kenntnisnahme der Publikums-Reaktionen, auch überregional größte Anerkennung gefunden. Was die Diskussion ab der ersten Vorstellung in Gang hielt und was bis zur letzten weiter ging, das war die Frage der szenischen Umsetzung der Werke. Eine Diskussion, die nicht zufällig entstanden, nicht "passiert" ist. Intendant Dr. Brunner hat 1994 in einem Eröffnungsreferat zum Symposion "Musiktheater 2000" seine Position in dieser Frage deutlich gemacht. Eine leicht gekürzte Fassung dieses Vortrages möge als Vorwort zur Dokumentation der elf Jahre Intendanz Dr. Gerhard Brunner die Diskussion auch weiter in Gang halten.

Johannes Frankfurter
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