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KRITIKEN


Hitzewelle aus dem Saal
"Der fliegende Holländer": Peter Konwitschny inszenierte erstmals am Moskauer Bolschoi Theater
Von Jan Brachmann

Selten dürfte Peter Konwitschny so vom Publikum für seine Arbeit als Regisseur gefeiert worden sein wie am Sonntag in Moskau, am Ende der Premiere von Richard Wagners Oper "Der fliegende Holländer". Nachdem es bereits minutenlangen Staccato-Applaus für die Solisten, den Chor und das Orchester des Bolschoi Theaters unter seinem Chefdirigenten Alexander Wedernikow gegeben hatte, schlug plötzlich eine Hitzewelle aus dem Saal gegen die Bühne, als Konwitschny auftrat: Jubelschreie, Bravorufe, kein Buh, kein einziges.

Die Sympathie, mit der Konwitschny für seine erste Inszenierung am Bolschoi Theater niedergebrüllt wurde, hatte etwas demonstratives. Schon die Verpflichtung des deutschen Regisseurs an die einstmals größte Opernbühne Russlands war ein beherzter Versuch der neuen Intendanz, das Bolschoi Theater aus dem Gerede wieder ins Gespräch zu bringen. Das Haus war wirtschaftlich in einer bedrohlichen Situation, hatte viele seiner besten Musiker verloren und galt als künstlerisch erstarrt. Immer wieder hörte man von den Symbolen einer erdrückenden sowjetischen Operntradition, die dort, dem toten Lenin im Mausoleum gleich, bis in unsere Tage konserviert wurden: eine Inszenierung von Tschaikowskys "Eugen Onegin" aus dem Jahr 1944 oder ein "Boris Godunow" aus der Breshnew-Ära mit einem 25 Kilo schweren Krönungskostüm für die Titelgestalt. Das Haupthaus von 1856 ist stark sanierungsbedürftig. Gespielt wird derzeit - wie am Sonntag- in der "Neuen Szene" neben dem klassizistischen Theaterbau, ihrerseits (obwohl frisch errichtet) ebenso klassizistisch gehalten, nur mit 960 Plätzen deutlich kleiner als das "Große Theater".

In der internationalen Ausstrahlung hatte Moskau während der letzten anderthalb Jahrzehnte gegen das wiedererstarkte Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg verloren. Walerij Gergijew, dem künstlerischen Leiter und Chefdirigenten des Mariinsky-Theaters, war es gelungen, gute Sänger und Instrumentalisten an sein Haus zu binden, die Finanzierung mittels Sponsorengelder dem westlichen Kulturbetrieb anzupassen und die Produktionen seines Hauses ins Ausland zu verkaufen: nach Mailand, Baden-Baden, New York oder an die Berliner Festwochen. Durch seinen Erfolg gestärkt, versuchte Gergijew noch vor zwei Jahren, die Schwäche Moskaus auszunutzen und das angeschlagene Bolschoi Theater ebenfalls unter seine Leitung zu bringen. Dagegen formierte sich Widerstand aus Moskauer Künstlerkreisen und auf höchster Regierungsebene.

Die neue Moskauer Intendanz unter Anatolij Iksanow, Wadim Surawljow und Makwala Kasraschwili versucht nun gemeinsam mit dem erst vor zwei Jahren als Nachfolger von Gennadi Roshdestwenskij berufenen Chefdirigenten, das Bolschoi Theater zu einem Ort zu machen, an dem über die perfekte Konservierung hinaus an der Kunst gearbeitet wird. Von der in Petersburg gepflegten Modernität, die sich ästhetisch besonders für Haute-Couture-Boutiquen und Parfümerien als anschlussfähig erwiesen hat, will man sich in Moskau absetzen. Dass man bei dem Komponisten Leonid Desjatnikow eine Oper in Auftrag gegeben hat, deren Libretto von Wladimir Sorokin stammt (der in seinem angefeindeten Roman "Der himmelblaue Speck" das Bolschoi Theater als Kloake beschreibt), zeigt, wie man sich der eigenen Tradition stellt.

Peter Konwitschny, von dem Gerard Mortier Anfang dieses Monats behauptete, Paris sei noch nicht reif für diesen Regisseur, war vor zwei Jahren schon einmal Gast am Bolschoi Theater. Gemeinsam mit dem ehemaligen Intendanten des Grazer Opernhauses Gerhard Brunner entwickelte er seine Ideen von Musiktheater auf einem Seminar mit Musikern, Tänzern und Regiestudenten. "Der fliegende Holländer", als Koproduktion mit der Bayerischen Staatsoper München entstanden, folgt (gemessen an den Gewohnheiten des Moskauer Publikums) einer schelmischen Dramaturgie. Für das erste Bild hat Johannes Leiacker eine naturalistische Meeresbrandung an den Bühnenhintergrund malen lassen, die norwegischen Seeleute in Wattejacken und Strickpullis, die Holländer in stilechte Frans-Hals-Trachten gesteckt.

Das zweite Bild ist dann aber keine Spinnstube mehr, sondern ein Fitness-Studio. Die Mädchen sitzen auf Home-Trainern wie die Hamster im Laufrad, bewegen sich, ohne davonzukommen: "Summ und brumm du gutes Rädchen, munter, munter, dreh dich um!" Das Moskauer Publikum staunte laut und applaudierte gleich zu Beginn der Szene. In diese Welt, die sich nur ums Hier und Jetzt, um den eigenen Körper, die blanke Physis dreht, bricht nun der Holländer in seiner verstaubten Tracht, singt von ewiger Treue und Erlösung, von einem Glück, das metaphysisch ist, und infiziert Senta mit diesem Traum.

Aus diesem Einfall entwickelt Konwitschny sehr viel: Er historisiert die Gefühle, die Begriffe vom Menschen, die in der Oper archiviert sind. Sie sich zueigen zu machen, heißt, sich zu kostümieren wie Senta, die das verstaubte Brautkleid über ihren Body zieht, als sie einwilligt, den Holländer zu heiraten. Schon in der Oper selbst, bei Wagner, sind die Figuren historisch geworden. Nicht von ungefähr tritt daher Erik im dritten Bild in Maxens Jägerkluft aus dem "Freischütz" auf. Die Welt des Holländers wird hier gezeigt als eine der Starre, der Reproduktion, der ewigen Wiederkehr, am Ende als geschlossene Welt hinter dem eisernen Tor. Senta legt zum Schluss die Lunte an ein Fass Sprengstoff. Die Bühne ist schwarz, die letzte Musik kommt vom Band. Erlösung als Endlösung.

Sängerisch ist diese Produktion auf sehr hohem Niveau: Robert Hale als Holländer und Alexander Naumenko als Daland deklamieren beim Singen vorbildlich, Anna-Katharina Behnke als Senta leistet für die Leichtigkeit im Wagner-Fach Beachtliches und schafft auch durch ihre Körpersprache einen deutlichen Kontrast zur wächsernen Statuarik des Holländers. Das Orchester des Bolschoi Theaters stellt eine bewundernswerte Balance zur Bühne her. Wedernikow weiß den weiträumigen Gesang der orchestralen Oberstimmen zu trennen vom marinen Auf- und Abschwellen der Mittelstimmen.

Bewegend aber ist der Abend vor allem durch die Gedankenarbeit der Regie: Es ist unsere eigene Liebe zur Oper, die diese Inszenierung beschreibt. "Der fliegende Holländer" ereignet sich überall dort, wo - wie Wagner selbst es fordert - die Ansprüche der Kunst ernst genommen werden. Die Geschichte und die Treueforderung der Gattung legen sich um uns wie ein eiserner Vorhang. Aber wenn wir der Parole von Pierre Boulez folgen und die Opernhäuser in die Luft sprengen, schaffen wir mit der Kunst uns selbst ab. Konwitschny hat die Oper also als tragisches Paradox gefasst: In dieser geschlossenen Welt ewiger Wiederkehr denken wir über das hinaus, worin wir hier und jetzt kreisen.

BERLINER ZEITUNG , 22. Juni 2004


Peter Konwitschny inszeniert Wagners "Holländer" am Bolschoi Theater
Von Manfred Quiring

Moskau  -
Der Schock lähmte den Zuschauern in der Neuen Bühne des Bolschoi Theaters offensichtlich die Hände, nachdem der Premierenvorhang zu Wagners "Fliegendem Holländer" am Sonntagabend gefallen war. Nur zögerlich setzte der Applaus ein, um dann jedoch in einen für Moskauer Verhältnisse stürmischen Beifall überzugehen, der vor allem Robert Hale als Holländer, Anna-Kathrina Behnke (Senta) sowie Alexander Naumenko als Daland galt.

Der deutsche Regisseur Peter Konwitschny, daheim als Provokateur der Branche bekannt, hatte in seiner Moskauer Inszenierung das Finale mit einem Knalleffekt im wahrsten Sinne des Wortes versehen. Senta folgt dem fliegenden Holländer nicht, wie bei Wagner angelegt, durch einen Sprung in die tosenden See. In der Moskauer Inszenierung durfte sie sich und ihre gesamte Umgebung mit einem Pulverfass in die Luft sprengen.

Es war schon ein gewisses Wagnis, diese Koproduktion zwischen Bayerischer Staatsoper München und dem Bolschoi Theater, die erste deutsch-russische überhaupt, ausgerechnet mit Wagner und Konwitschny zu beginnen. Der deutsche Komponist wurde hier vor über vierzig Jahren zuletzt gespielt. Auch gilt das Moskauer Publikum - zu Unrecht, wie sich zeigte - als konservativ. Er sei sich gar nicht sicher gewesen, ob nicht auch hier in Moskau "die Freunde der toten Oper mit Trillerpfeifen" kommen würden.

Konwitschny zeigte sich angenehm überrascht auch von den russischen Solisten, dem Chor und sowie die Leitung des Hauses, die sich seinen Ideen gegenüber sehr aufgeschlossen gezeigt hätten. "Der Frauenchor hat in der Spinnszene nicht etwa Spindeln gefordert, sondern sich über die Szene im Fitnessclub sehr amüsiert und dem Affen Zucker gegeben". Das Publikum bedachte das Szenenbild mit spontanem Applaus.

Der "Fliegende Holländer" darf als einer der Höhepunkte des deutschen Kulturjahres in Russland, das in diesem Jahr mit einer Vielzahl von Veranstaltungen begangen wird. Für Konwitschny wird es künftig eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem Bolschoi geben. Vor allem möchte er klassische russische Opern wie "Untergang der Stadt Kitesch" oder "Boris Godunow" inszenieren, um dem russischen Publikum seine Sicht der Dinge zu vermitteln.

DIE WELT, 22. Juni 2004




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