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KRITIKEN 2007
AIDA - KULTURHAUPTSTADT LUXEMBOURG/SAARBRüCKEN 2007
Bei Pharaos auf'm Sofa
Ein Opernereignis: Peter Konwitschnys bestechend klare „Aida“ im Saarbrücker E-Werk
von SZ-Redakteur Oliver Schwambach
Parfüms heißen heute so – oder All-inclusive-Dampfer, die Pauschalurlauber nach Ägypten schippern. Was uns das sagt? Auf jeden Fall,dass „Aida“ in der Hitliste derOpern weit oben rangiert, wo doch schon der Name allein solch merkantilen Mehrwert birgt. Diese Popularität ist durchaus im Sinne ihres Schöpfers. Als verspätete Hymne zur Eröffnung des Suezkanals wurde Guiseppe Verdis Großwerk 1871 in Kairo uraufgeführt (die Wasserstraße war schon zwei Jahre zuvor offen). Und es zielte mit viel ägyptischer Historie und Massenszenen auch auf Massenwirkung. Genauso wird denn meistinszeniert: mit bühnenfüllendem Chor vor Pyramiden.
Dagegen muss die Kargheit,mit der Peter Konwitschny die„Aida“ im Saarbrücker E-Werk sieht, regelrecht verstören. Die pompöse Ausstattungsoper schrumpft der gefeierte Regisseur zum Kammerspiel. Konzentriert auf eine winzige Guckkastenbühne in unbarmherzigen Neon-weiß spielt sich da alles ab. Machtgier und Geltungssucht der ägyptischen Elite, aber auch die unerfüllte Sehnsucht nach Zärtlichkeit werden da bloßgelegt wie aufeinem OP-Tisch.
Gewiss, das Skandalaroma von 1994, als der Traditionsverweigerer Konwitschny diese„Aida“ in Graz inszenierte, ist verflogen – auch weil der Regisseur viele Nachahmer fand.Doch nach wie vor besticht seine Regiearbeit in ihrer Klarheit. Konwitschny bringt die sonst so fernen Priester, Könige und Feldherrn auf Menschenmaß. Man sitzt quasi mit im Wohnzimmer der Pharaos.Da, wo sie uns Zuschauern näher kommen können. Wo der Ägypterkönig (Konstantin Sfiris mit solidem Bass) und Oberpriester Ramfis (Danilo Rigosas Bass kann eisige Kälte verströmen) wenig würdevoll um die Macht rangeln. Wo sich nicht Sklavin und Prinzessin gegenüber stehen, sondern Aida und Amneris (Ildiko Szönyi klangschöner Mezzo wirkt anfänglich etwas eng), zwei Frauen,die beide um Radames Liebe ringen. Konwitschny hat dazu eine Reihe bemerkenswerter Sängerdarsteller zur Hand, in die sich auch Jacek Strauch als Amonasro einfügt. Maida Hundeling als Aida allerdings ragt mit ihrem ausdrucksstarken,leuchtenden Sopran aus der Garde der Guten noch heraus. Eine Schlüsselszene: Radames (Jan Vaciks Tenor besticht vor allem mit Höhenglanz)reckt da wie ein Knabe auf demroten Sofa die Fäuste empor –kein angsteinflößender Feldherr, sondern bloß ein Gernegroß. Laut auflachen möchte man bei solch zutiefst komischen Szenen. Doch das bleibt einem im Halse stecken, angesichts der Kälte und Härte, in der sich diese Gesellschaft begegnet. Das ist dann fast schon die bittere Komik Bernhardscher Figuren.
Letztlich folgt Konwitschny mit seinem Ausstattungsteam (Bühne: Jörg Kossdorff; Kostüme: Michaela Mayer-Michnay)in der konsequenten Reduktion auch der Partitur – die oft intime Momente hat. So lässt er den Chor im Verborgenen singen. Nur einmal treten die Choristen des exzellenten Prager Festivalchors hervor. Dann,wenn der Chor wirklich zu Volkes Stimme wird.
Fraglos also ein Gewinn, dass Musik & Theater Saar dieses Theaterereignis fürs Kulturhauptstadtjahr nach Saarbrücken holte. Und erfreulich auch, dass dies mit wesentlichem saarländischen Anteil geschieht: Das Staatsorchester erweist sich als ebenbürtiger Partner der hochkarätigen Produktion. Marzio Contis teilweise ekstatisches Dirigat sorgte da für eine temperamentvoll durcheilte Partitur, was aber weder dem schön aufblühenden Klang des Staatsorchesters Abbruch tat, noch die intimen Momente überdeckte. Bravo!
SAARBRÜCKER ZEITUNG, 24. August 2007
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Zerfetzter Elefant
Kulturhauptstadt: Peter Konwitschny entdeckt Verdis „Aida“ im Saarbrücker E-Werk neu
Geht das? Aida, der Opern-Monumentalisten liebstes Werk,ohne Aufmärsche, ohne Pomp,ohne Nil-Folklore, ohne Pyramiden,ohne Elefanten? Einfach nur als Kammerspiel? Es geht.Und wie.
von Dieter Lintz
Pardon. Einen Elefanten gibt es doch in dieser„Aida“, die übliche Maßstäbe sprengt. Feldherr Radames, im Zivil-Leben ein großer, entscheidungsschwacher,ungelenker Junge, nimmt das graue Stofftier mit auf seinen Feldzug.Man lacht, amüsiert sich über den vermeintlichen Gag. Doch dann kommt er zurück, das Spielzeug in Fetzen, die Uniform blutig, ihr Träger traumatisiert.Nix mehr zu lachen, das Kriegs-Spiel ist aus, nur der Krieg noch geblieben.
Regisseur Peter Konwitschny und seine Ausstatter (Bühne:Jörg Kossdorff, Kostüme: MichaelaMayer-Michnay) arbeiten gerne mit Kontrasten, die den Zuschauer irritieren, aus der Bahn werfen. Man kann sich der Dinge nicht sicher sein. Der Mangel an Berechenbarkeit zwingt zum Mitdenken. Wer in die Oper geht, um sich Gewohntes gemütlich bestätigen zu lassen,ist hier falsch.
Der Entwurf ist kühn. Man sieht nur eine weiße, mit Papier ausgeschlagene Box, in der Mitte eine Couch. Hier im Vorzimmer spielen sich die Seelendramen der Protagonisten ab, hier entspinnen sich ihre Konflikte auf Leben und Tod. Alles andere ist nur akustisch präsent. Allenfalls spähen die Akteure mal durch eine Tür auf die für das Publikum unsichtbaren Aufmärsche,die einen Soundtrack zu dem Psycho-Thriller auf der Couch liefern. Was draußen passiert,spiegelt sich nur auf den Gesichtern und in den stilisierten Bewegungen, die bisweilen in ihrer Künstlichkeit alten Stummfilmen gleichen.
Das alles ist von einer unfassbaren Genauigkeit und verlangt den Sängern enorme darstellerische Arbeit ab. Die Stimmung wechselt in atemberaubendem Tempo zwischen Komik und Tragik. Grandios die Persiflage auf den Triumphmarsch. Während „draußen“ mit Pauken und Trompeten und vorzüglicher Präsenz (Prager Festivalchor) die Truppen marschieren, steigt auf der Bühne eine bizarre Koma-Party. Die Sieger besaufen sich sinnlos, spielen Ringelpietz mit Anfassen und gerieren sich,als hätte soeben Ägypten das Finaleim Afrika-Fußballcup gegen Äthiopien gewonnen.
Doch kaum wähnt man sich in der Opern-Satire, wird es furchtbar ernst, ringen Radames, Aida und ihre Rivalin Amneris in beängstigender atmosphärischer Dichte um ihre Existenzen. Die Bilder, die Ideen, die Anspielungen alle aufzuzählen, ist kaum möglich. Man versteht sie auch nicht alle. Konwitschny-Inszenierungen sind eben Futter fürs Hirn, nicht (nur) für den Bauch.Dirigent Marzio Conti und das saarländische Staatsorchester liefern die Kammermusik fürs Kammerspiel. Keine Täterätä-Aida, stattdessen Sorgfalt,Transparenz, Durchdringung.Was nicht heißt, dass der Italiener am Pult nicht auf die Tube drücken könnte, wenn es darauf ankommt. Vorzügliche Soli, konzentriertes Zusammenspiel. Eine Klasse-Leistung.
Bei den Sängern ragen die Damen heraus. Maida Hundeling ist eine umwerfende, glaubhafte Aida, die aus dem Reservoir einer kraftvollen, in allen Lagen beherrschten Stimme schöpfen kann – und begnadete Piani am Rand des Singbaren riskiert. Ildiko Szönyis Amneris meidet jegliche Schärfen ebenso wie dramatisches Mezzo-Geröhre,begeistert durch kompakte Stimmführung, Präzision und eine klare darstellerische Linie.Wobei die Frauen eh die dankbarere Aufgabe haben, zeichnet die Regie sie doch weit menschlicher und weniger karikaturhaft als die Männer-Rollen.
Jan Vaciks Radames ist eine faszinierende Charakterstudie –und eine sängerische Berg- und Talbahn zwischen lichten stimmlichen Höhen und einigen(konditionell bedingten?) Untiefen.Stark der König von Konstantin Sfiris, souverän Danilo Rigosa (Oberpriester) und Jacek Strauch (Amonasro).
Am Ende einhelliger Jubel,auch für die Regie. Ein Widerspruch bleibt dabei wie bei vielen zeitgenössischen Inszenierungen,dass sich die Genialität,mit der Konwitschny gewohnte An-Sichten konterkariert, nur dem erschließt, der Aida auch schon in Verona-Format gesehen hat. Für Debütanten und Kinder ist es vielleicht nicht der ideale Einstieg. Wer Oper neu erleben will, sollte diese Produktion keinesfalls verpassen.
TRIERISCHER VOLKSFREUND, 24. August 2007
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O-Ton Triumphmarsch
Es ist die wohl bekannteste Stelle der ganzen Opernliteratur: der Triumphzug aus Verdis "Aida" darf auf keinem Sampler mit den 20 schönsten Klassikhits fehlen. In "Aida" kommt an dieser Stelle Radames, der siegreiche Feldherr der Ägypter nach Hause - mit den besiegten Feinden im Schlepptau. Da darf der Fundus eines Opernhauses mal zeigen, was er alles hat: es sollen schon lebende Elefanten und bis zu 500 Personen auf der Bühne gesichtet worden sein.
Bei Peter Konwitschny sind es genau drei. Der Priester, der König und seine Tochter feiern das Spektakel allein in einem engen Zimmer. Verdis Fanfaren dringen nur als ferner Klang zu ihnen herein.
Aida ohne Massenszenen, ohne güldene Säulen und Pappmaché-Pyramiden, ohne exotische Kostümierung und ohne Elefanten. Das heißt: ein Elefant kommt schon vor. Ein Plüschtier, das dem jungen Heerführer Radames auf dem Weg in die Schlacht mitgegeben wird wie einem Kind der Teddy. Jetzt - im Augenblick des Triumphes - ist der Plüschelefant zerfetzt, die weiße Uniform des Feldherrn blutverschmiert, und der Kriegsheld selbst, der eben noch mit Hurra aufs Schlachfeld gezogen war, kehrt jetzt als nachdenklicher, verstörter Mann zurück. Das Geschrei da draußen interessiert mich nicht, sagt Konwitschny mit diesem Bild. Ihn interessiert einzig und allein das Innere seiner Figuren. Von Anfang an sind sie lebendig eingemauert in dem engen, kargen Zimmer, das die Bühne dieser Aida-Inszenierung darstellt. Gefangene der Umstände, Gefangene ihrer selbst. Liebe und Eifersucht sind die Triebfedern einer Handlung, für die das Politische da draußen nur der Schauplatz ist.
Mit dieser Inszenierung hat Peter Konwitschny vor nunmehr 13 Jahren viel Aufsehen erregt und zu Recht viel Lob geerntet. Dreizehn Jahre sind eine lange Zeit, in der die einst neuen theatralischen Mittel und Ideen von vielen kopiert und abgenutzt werden können. Wirken sie da noch? Die Antwort im Saarbrücker E-werk gestern abend lautete:
O-Ton Bravo...
Trotz der harten Plastiksitze, trotz der Störgeräusche von außen und der unschönen Akustik, trotz auch einiger kleiner Indispositionen bei dem alles in allem großartigen Sängerensemble, trotz mancher Schieflagen im Chor und einiger Unsauberkeiten im Orchester, trotz all dem, was nun mal eine Live-Aufführung so mit sich bringt, war es ein großer Theaterabend. Ein Abend, der durch seine Konzentration auf das Wesentliche die harten Sitze vergessen machte, dessen Klarheit und Entschiedenheit einen packte, und der am Ende durch ein traumhaft schönes Bild bestach, das auch Konwitschny nicht vorhersehen konnte: Denn am Ende, wenn Radames und Aida bei lebendigem Leib eingemauert werden, fallen bei Konwitschny die engen Wände, die Zwänge, die ihre Liebe bis dahin behindert haben. Und im Saarbrücker E-Werk hat man einen atemberaubenden Blick durch die hohen Fenster nach draußen, und ein Aufatmen geht durchs Publikum, ein Gefühl von Freiheit und von Frieden. Und so endet diese Kammeroper dann doch sehr monumental - nur eben ohne Elefanten.
SR2 Kulturradio
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EINFÜHRUNG SAARBRüCKEN 2007 |
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